In Gedenken an Pastor Kurt Müller und Erinnerung
an alle Opfer von Krieg, Terror und Gewalt


Unscheinbar, am Rande des Hechthäuser Friedhofs liegt das Grab von Kurt Müller und seiner Frau Elisabeth, von allen nur Illa genannt. Er wurde nur 56 Jahre alt. Aufzeichnungen und Unterlagen über sein Leben gibt es kaum. Fast alles, was heute über diesen Mann bekannt ist, der Hunderten Juden während der NS-Zeit das Leben rettete und sie außer Landes schmuggelte, hat sein Biograf Professor Eberhard Busch in persönlichen Gesprächen ermittelt. Recherchiert hat er dazu im familiären Umfeld bei Kurt Müllers Ehefrau und seiner Tochter Annette sowie in den 1950er-Jahren bei Zeitzeugen. Herausgekommen ist eine Geschichte, die bewegt und die bei Eberhard Busch die Frage aufwirft: "Hätte ich heute auch den Mut so zu handeln wie Kurt Müller damals?"
Es brauchte einen zweiten Anlauf für die Geschichte
Eine Geschichte, die mahnt, die dieser und folgenden Generationen eine Verpflichtung auferlegt, gegen das Vergessen zu arbeiten, auch wenn es unbequem ist, wie Busch sagte. Eine Lebensgeschichte, die beinahe zwei Mal in Vergessenheit geraten wäre. Denn bereits in den 1990er-Jahren hatte der ehemalige Hechthäuser Bürgermeister Bodo Neumann einen Anlauf gestartet, sich um das Grab von Kurt Müller zu kümmern. "Irgendwie bin ich im Tagesgeschäft zwischen Arbeit, Familie und Lokalpolitik wieder davon abgekommen. Das Projekt geriet in Vergessenheit." Erst im Jahr 2018 unternahm Neumann einen zweiten Anlauf, sich um die mittlerweile verwilderte Grabstelle zu kümmern. Gemeinsam mit Wolfdietrich Elss, Dirk Vollmers, Hans-Gerhard Alstedt und Uwe Dubbert gründete er einen Arbeitskreis. Der Hechthäuser Kirchenvorstand war schnell überzeugt, das Grab dauerhaft erhalten zu wollen, genehmigte auch das Aufstellen zweier Hinweistafeln am Friedhofseingang und direkt am Grab. Sie sind jeweils mit einem QR-Code versehen, sodass Besucher unkompliziert auf die entsprechende Internetseite des Heimatvereins Hechthausen gelangen, wo sich tiefergehende Informationen zu Kurt Müller und weitere Aktivitäten des Arbeitskreises finden lassen.
Die Kulturstiftung der Weser-Elbe-Sparkasse stellte einen guten vierstelligen Betrag zur Verfügung, womit nicht nur die Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch die Broschüre des Heimatvereins und die Einladung des Referenten sowie der Tochter von Kurt Müller, Annette Kitt, nach Hechthausen finanziert werden konnte. Die Familie von Saldern öffnete ihren Veranstaltungsraum und die Firma Druckpartner aus Hemmoor lieferte Vergrößerungen von Fotografien zur Dekoration. Das Gymnasium Warstade arbeitete die Geschichte Kurt Müllers auf und stellte die Ergebnisse auf der Gedenkveranstaltung vor. Nicht zuletzt sorgte die Musikschule An der Oste für die passende musikalische Begleitung.
In Hechthausen wird die Erinnerung wach gehalten
Am Freitag, den 21. Juni 2019 waren Professor Eberhard Busch aus Friedland und Annette Kitt aus Wien angereist, um an der Gedenkveranstaltung für Kurt Müller teilzunehmen. Professor Busch zeichnete den Lebensweg von Kurt Müller nach. Von seiner Zeit als Anwalt über die Inhaftierung bis zur Verhängung eines Berufsverbotes im Jahr 1935. Eindrucksvoll schilderte Busch das verbale Scharmützel zwischen Kurt Müller und Roland Freisler, dem späterem Strafrichter, der sogar versucht haben soll, Müller wegen seiner brillanten Rhetorik für die Idee der Nationalsozialisten zu gewinnen ein aussichtsloses Unterfangen angesichts der christlichen Einstellung und tiefen Verwurzelung Müllers im Glauben.

Nach seiner Haftentlassung im Frühjahr 1936 begann Kurt Müller Theologie zu studieren, ging 1938 nach Basel zu Karl Barth an die dortige Universität. Eine Gemeinsamkeit, die Kurt Müller und sein Biograf teilen, der ebenfalls Assistent bei Karl Barth war. Müller titulierte den Satz "Antisemitismus ist eine Sünde gegen den Heiligen Geist", womit sein Weg vorgezeichnet war. Statt nach England zu gehen, kehrte Müller nach Deutschland zurück, wurde schließlich Pfarrer in einer kleinen Gemeinde der Bekennenden Kirche in Stuttgart. Von dort aus organisierte er unter Lebensgefahr ein Netz von Helfern, das verfolgte Juden versteckte mit dem Ziel, sie außer Landes zubringen. Zu diesen Unterschlupfmöglichkeiten zählte auch das Gut Ovelgönne in Hechthausen, wo Kurt Müller sich mit seiner Frau und Tochter oft aufhielt, um Kraft zu tanken. Die ganze Geschichte findet sich in den beiden Büchern zu Kurt Müller (siehe Kasten).

Eberhard Busch und Annette Kitt zeigten sich beeindruckt von dem großen Interesse an dem Vortrag und beantworteten noch zahlreiche Fragen. Zusammenfassend sagte Busch: "Es braucht wachsame Geister, um einen erneuten Rechtsruck in Europa zu verhindern. Ich bin dankbar, dass in Hechthausen die Erinnerungen an die schrecklichen Geschehen der NS-Zeit hoch gehalten werden. Das ist eine Markierung auf der Landkarte wert."

Weitere Informationen zum Leben und Wirken von Pastor Kurt Müller finden sich folgenden Schriften: Im Buch mit dem Titel "Kurt Müller Anwalt der Verfolgten im Nationalsozialismus" von Eberhard Busch, ISBN 978-3-7668-4316-6 und in der Broschüre Nummer 23 des Heimatvereins Hechthausen, die auch eine Aufsatz über Geschichte der jüdischen Mitbürger Hechthausens enthält.

Etwas versteckt, am Rande des Hechthäuser Friedhofs liegt die Grabstelle von Pastor Kurt Müller und seiner Frau Illa. Bodo Neumann, Wolfdietrich Elss, Dirk Vollmers, Hans-Gerhard Alstedt und Uwe Dubbert (von links) haben sie wieder zugänglich gemacht, die Geschichte aufgearbeitet und zeigen Annette Kitt, der Tochter Kurt Müllers, das Ergebnis ihrer Arbeit.

Hans-Gerhard Alstedt überreicht Annette Kitt das erste Exemplar der neuen Heimatschrift, die sich mit dem Leben und Wirken ihres Vaters Kurt Müller beschäftigt.

Professor Eberhard Busch hielt den Vortrag zum Leben und Wirken von Pastor Kurt Müller.

 

 

 

 

 

 

 

Text und Fotos: Thomas Schult



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